HERMANNSBURG. Mit der Zeit verblassen Erinnerungen. Nicht viele erinnern sich noch an Irmgard Ruschenbusch (Jahrgang 1896) oder Agnes Timme (Jahrgang 1912), zwei Hermannsburgerinnen, die wegen psychischer Erkrankungen 1941 von Staats wegen ermordet wurden. Auch in ihren Familien musste in den letzten Jahren nachgeforscht werden, um die Ereignisse in 1941 wenigstens einigermaen zur Kenntnis zu bekommen.
Mehr als 70.000 Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen wurden zwischen Januar 1941 und Mrz 1945 zielgerichtet zum Tode gebracht. Damals, als die beiden Frauen aus Hermannsburg in Hademar (Hessen) vergast wurden, gab es nur amtliche Briefe an die Familien, sie seien nach der Verlegung von Lneburg nach Hadamar an Tuberkulose erkrankt und verstorben. Fr eine Beerdigung, selbst im kleinen Familienkreise, gab es keine Mglichkeit, weil die Leichname nicht bergeben wurden.
2011 wurde ein Stolperstein fr Irmgard Ruschenbusch verlegt, 2017 dann ein Stolperstein fr Agnes Timme. Drei Hermannsburger polieren einmal im Jahr die Stolpersteine und halten die Erinnerung wach. Nicht vorrangig, um die Vergangenheit zu ehren, sondern um aus der Erinnerung zur Verantwortung fr die Gegenwart zu finden. Es gilt, auch in der Sdheide aufmerksam zu sein, wenn das Leben wieder in wertvoll und unwert unterschieden werden soll.
ber 30 Personen nahmen an dem Gedenken am 16. Juni teil, zu dem Johanna Ottermann, David Bodammer und Jost Hasselhorn eingeladen hatten. Zur Mahnung wurde auch ein Auszug aus einem Gedicht von Bertolt Brecht (1898 bis 1956) gelesen, dessen literarisches Werk Opfer des ideologischen Kampfes der Nationsozialisten werden sollte sie standen auf der Liste der Bcherverbrennung am 10. Mai 1933: An die Nachgeborenen (1938) Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten! Das arglose Wort ist tricht. Eine glatte Stirn Deutet auf Unempfindlichkeit hin. Der Lachende Hat die furchtbare Nachricht Nur noch nicht empfangen. Was sind das fr Zeiten, wo Ein Gesprch ber Bume fast ein Verbrechen ist Weil es ein Schweigen ber so viele Untaten einschliet!
Im kommenden Jahr wird am 16. Juni 2021 an den 80. Jahrestag der Ermordung zu erinnern sein. Vielleicht wird es dann neben dem Stillen Gedenken an den Stolpersteinen auch Weiteres geben. ? SV / Jost Hasselhorn





